DER SPIEGEL: KUNSTMinarette als Missiles

Es handelt sich um die wohl erste gebündelte Reaktion bildender Künstler auf die Anschläge des 11. September – und sie wirkt erstaunlich radikal: Die Kulturzeitschrift “Lettre International” aus Berlin stellt in ihrer am 13. Dezember erscheinenden Ausgabe Werke von 30 weltbekannten Künstlern wie Georg Baselitz, Hans Haacke, Robert Longo oder Rebecca Horn vor. Das Magazin hatte als Stellungnahme zum “Schock des 11. September” und zum “Geheimnis des Anderen” Arbeiten auf Papier erbeten. Die meisten Künstler antworteten auf das Terrortrauma und seine Folgen mit hoch ästhetischen Bildern – und scharfer Provokation: Die Palästinenserin Aissa Deebi etwa fotografierte zwei nackte Plastikmännchen mit Maschinengewehren, das eine trägt eine Gasmaske, das andere einen Helm – es soll durchaus schwer fallen zu entscheiden, welches von beiden verletzlicher und welches gewalttätiger wirkt. Der Brasilianer Roberto Cabot malte als Erinnerung an schmerzliche Fernsehbilder eine winzige Figur im freien Fall vor einem strahlend hellblauen Himmel. Und der deutsch-niederländische Künstler Ulay zeigt auf einer von drei Fotografien Drillings-Minarette, deren schmale, hohe Gestalt an Raketen erinnert – er nannte sein Werk “Islamic Missiles”.
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